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Motive zum Fotografieren
Einst hatten Sie sich für eine hochwertige Kameraausrüstung entschieden. Jetzt liegen Gehäuse und Objektive weggeschlossen im Schrank. Ein paar Filme haben Sie belichtet, waren von den Ergebnissen enttäuscht. Und jetzt reden Sie sich ein, kein Auge für Motive zu haben. Vergessen Sie die ein schüchternd grandiosen Landschaftsaufnahmen, die Schnappschüsse von seltenen Tieren und exotischen Menschen in den Illustrierten. Nehmen Sie, was Ihnen diese Stunde anbietet: diesiges Wetter und einen Tag in Ihrer Stadt. Diese Ihre Stadt ist voller Details. Der vom Wind geblähte Vorhang in einem offenen Fenster, skurrile Schaufensterpuppen, die halb heruntergefetzte, regendurchtränkte Ankündigung eines Rock-Konzerts. Konzentrieren Sie sich darauf. Nehmen Sie beispielsweise einmal den roten Mädchenmund einer Coca-Cola-Reklame, der gerade an einem Strohhalm saugt. Herausgelöst aus der gewohnten Umgebung, im Dunkeln unwirklich groß auf die Leinwand projiziert, bekommt dieser Ausschnitt eine faszinierende Wirkung: Kunst ist immer die Meisterschaft des Aussparens, des Weglassens. Über ein Zoom sollten Sie verfügen. Ideal wäre ein Brennweitenbereich von 80 bis 200 mm. Arbeiten Sie mit offener Blende, weil es bei diesen Aufnahmen selten auf Schärfentiefe ankommt. So werden Sie das exemplarische Detail entdecken — die Zigarette in den gelben Fingern des Kettenrauchers zum Beispiel. Und schon sind Ihrer Phantasie keine Grenzen mehr gesetzt. Sobald Sie den Anfang gemacht haben, bieten sich Ihnen plötzlich unzählige Motive an. Und die Bilder, die dann entstehen, sind geistvoll, kritisch, frech, ja erotisch; nie sind sie langweilig. Immer sind sie Ausdruck Ihrer Beobachtungsgabe, Ihres Bewußtseins. Schlagartig erkennen Sie: Auf kostspielige Reisen in ferne Länder sind Sie nicht angewiesen. Statt dessen machen Sie vielleicht eine Reise in die Vergangenheit: Auch Ihre Stadt ist voll nostalgischer Motive. Halten Sie sich bei der Suche nicht allzulange in Fußgängerzonen auf. Gehen Sie in Bezirke, die den Gastarbeitern überlassen sind; in Gassen, wo sich die Mieter nach wie vor mit einer Toilette pro Stockwerk begnügen müssen. Die fünfziger Jahre — heute Gegenstand von Kunstausstellungen — sind hier stehengeblieben. Der verblichene Vorhang in der Tür des Kolonialwarenladens, die blaßfarbenen, dreieckigen Muster in den Tapeten: Hier ist alles original. Ubersehen Sie nicht die Stilleben hinter alten Fenstern im Parterre: Katzen, Kinderspielzeug, seltsame Vasen mit künstlichen Blumen. Erfassen sie den morbiden Zauber solcher Arrangements. Auch hier arbeiten Sie erfolgreich mit einem Zoom. Der Diafilm darf hochempfindlich sein, denn nicht penetrant scharf, gemäldehaft weich sollten Ihre Bilder wirken. Gehen Sie ein paar Straßen weiter: Ihre Stadt ist im Umbruch. Vielstöckige Mietshäuser werden hochgezogen. Das Siedlungshäuschen davor ist stehengeblieben. Wie lange noch\' Warten Sie nicht. Fotografieren Sie jetzt! Nehmen Sie dazu einen Weitwinkel. Ein 28-mm-Objektiv erweist sich in der Regel als ideal, die Verzerrung hält sich in Grenzen. So erfassen Sie das Gestern und das Heute — das Siedlungshäuschen und das Hochhaus. Spannung entsteht, ja, eine Dramatik, die mehr unter die Haut geht als die abgenützte Dramatik von Gewitterstimmungen und Sonnenuntergängen. Ihre Bilder aber gewinnen den Reiz des Ungewohnten. Auf eine neue, unverbrauchte Art sind sie ästhetisch. Sie zwingen zum Nachdenken: Was tut der weiße, amerikanische Sportwagen vor einer alten, deutschen Villa? Wer hat die verrammelte flachgeschossige Eisdiele, eingekreist von Neubauten, abzureißen vergessen —und warum? Bilder des Gegensätzlichen, die nur entstehen, weil Sie beim Fotografieren daran gedacht, darauf\' geachtet und reagiert haben.

Planen Sie Ihr Foto, Ihren Schnappschuß! Führen Sie Regie! Könnte nicht zum Beispiel in den blauen Horizont ein roter Luftballon aufsteigen? Sollte nicht zwischen den zwei bildfüllenden Bäumen eine Person schreiten? Solche kleinen Korrekturen sind das Erfolgsrezept mancher Profis. So machen sie aus einem guten Motiv ein Meisterfoto. Und das können SIL, auch: Schrauben Sie die Kamera auf ein Stativ, damit der Bildaufbau stimmt. Wenn nun ein Motorradfahrer um dir Ecke biegt und sich an der richtigen Stelle in Ihrem Bild befindet, lösen Sie. Verwendung eines Drahtauslösers aus. Begnügen Sie sich aber nicht mit einer Aufnahme. Denn ein bißchen spielt auch das Glück mit. Den kalkulierten Schnappschuß sieht Ihrem Meisterfoto keiner an. Viele Stunden verbringen wir auf den Straßen. Warum also die Straße nicht mit einbeziehen — den- Asphalt, die Verkehrszeichen, Bushaltestellen, Transformatorenhäuschen und selbstverständlich das Auto. Steigen Sie ein, fahren Sie ein paar Kilometer hinaus. Holen Sie sich die Bilder, die auf der Straße liegen — die offene Straße, die leuchtenden Dreiecke und Kreise der Verkehrszeichen vor einem blauen Himmel: ein Gefühl von Freiheit, Sehnsucht, Bewegung stellt sich ein. Nur ein Weitwinkelobjektiv vermag dieses Easy-Rider-Feeling in ein Foto zu übersetzen. Brennweiten von 28 mm bis hin zum Fisheye sind gerade richtig. Auf dem Weg zurück halten Sie an. Durchstreifen Sie die Randbezirke Ihrer Stadt. Keine Gegend ist abwechslungsreicher, abenteuerlicher. Ein verbogener Maschendrahtzaun, der ein wildbewachsenes Terrain eingrenzt, ziegelgemauerte Fabriken, die ersten Häuser einer entstehenden Siedlung. Das alles liegt zu beiden Seiten der Straße. Mit Ihrem abgeblendeten Weitwinkelobjektiv gehen Sie nah an den Drahtzaun heran. Passen Sie auf, daß das weiße Häuschen genau in einer Masche sitzt. Entdecken Sie den außergewöhnlichen Aufnahmestandpunkt — fotografieren Sie von Türmen, aus dem obersten Stockwerk eines Hochhauses. Aus ungewohnter Höhe aufgenommen, wird Gewohntes außergewöhnlich. Miniaturisiert und überschaubar liegt die Wirklichkeit unter Ihnen. Spielzeugklein fährt ein rotes Auto aus einer Tankstelle und steht einen Augenblick quer in der Straße. Meiden Sie einen oft begangenen Fehler: Greifen Sie nicht gleich zum Teleobjektiv. So winzig klein bleibt das Auto nämlich nur, wenn es auch auf Ihrem Bild einen kleinen Raum einnimmt; wenn es umgeben ist von Häusern, Straßen, Brücken. Deshalb empfiehlt sich der Einsatz eines 28-35-mm-Objektivs; unter Umständen erzielen Sie auch mit einem Normalobjektiv die gewünschte Wirkung. Fotografieren Sie ausnahmsweise mit Tele, lassen Sie zum Beispiel der Personengruppe, die Sie von oben darstellen wollen, Raum. Beziehen Sie die Umgebung, ein Haus, ein Auto, mit ein. So schaffen Sie für den Betrachter die Möglichkeit des Größenvergleichs. Und noch etwas ist wichtig: Ihr Bild sollte gestochen scharf sein, weil das Auge sonst Einzelheiten nicht erkennen kann. Legen Sie also keinen Highspeed-Film ein.
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