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Venedig - fast schon unheimlich

Eigentlich fehlte als Tüpfelchen auf dem i nur noch eines auf der letzen Biennale in Venedig: eine Ausstellung über die Stadt selbst, schon deswegen, weil Venedig mit Sicherheit die meistfotografierte Stadt der Welt ist. Für mich ist Venedig wie eine Frau, mit der mich eine jahrelange Liebesgeschichte verbindet - ich kenne ihre Launen, ihre Hochs und Tiefs, ihr Auftreten, ihre Vergangenheit. Im Sommer hat sie nicht viel Zeit für mich und betrügt mich oft mit all den vielen Fremden. Dann aber, im Oktober, November, zeigt sie sich wieder von ihrer besten Seite. Sie wird ruhig und zärtlich, und die goldene Herbstsonne hilft, ihr Alter zu vertuschen. Diese unbeschreibliche Schönheit versteht es sehr gut, ihre Gunst vielen Menschen zu schenken. Trotzdem gelingt es ihr, jeden einzelnen, der sie kennt und liebt, glauben zu lassen, daß sie eigentlich ihn am meisten schätzt. Es gibt wohl kaum einen geeigneteren Rahmen, Kunst zu präsentieren, als diese Stadt. Venedig braucht nicht einmal Künstler, es ist selbst ein Akt der Kunst. Zahlreiche Maler haben diese Stadt unsterblich gemacht; jetzt kommen Touristen und versuchen, ihrer Schönheit gerecht zu werden. Im Grunde genommen ist alles in Venedig dazu geschaffen worden, um gesehen zu werden; deshalb hat nun mal alles, was man in dieser Stadt entdeckt, eine ungeheure visuelle Anziehungskraft. Die Szene selbst verändert sich nicht. Aber die Akteure kommen und gehen. Die Launen dieser Stadt halten uns gefangen und beeinflussen unser ganzes Empfinden. An manchen Tagen ermüdet sie unsere Augen, dann wieder kann man sich kaum vorstellen, von ihr enttäuscht zu werden. Wenn der Nebel sanft auf sie herabfällt und ihre Umrisse nur noch schemenhaft zu erkennen sind, dann wird jeder Laut, ganz gleich ob Glockengeläut, Lachen oder der Ruf eines Gondoliere zu Musik. Venedig ist wirklich audiovisuell. Das erklärt vielleicht auch, warum diese Stadt seit Jahrhunderten Maler und Komponisten inspiriert hat.

Venedig - fast schon unheimlich

Venedig ist ein Gedicht. Und wie ein Gedicht fordert die Stadt uns heraus und hält uns mit ihrer Fähigkeit, Zeit und Raum zu verändern, in Bann. Wenn man in Venedig lebt, sieht man die Welt mit anderen Augen. Alles erscheint leichter und erträglicher. In unserer modernen Zivilisation ist diese Stadt auch deshalb eine Oase, weil in ihr bekanntlich keine Autos verkehren dürfen. Hier kann man sich wieder dem natürlichen und menschlicheren Rhythmus des Zu-Fuß-Gehens anpassen, wodurch man wieder sehen lernt, verweilt und eins wird mit der Stadt. Ein Tourist bekommt Venedig nur mühsam in den Griff. Alles, was er  erkennt, ist schon Tausende Male vorher gesehen worden, was es so schwierig macht, sich von diesem Althergebrachten zu lösen und die Dinge so zu betrachten, als sei es das erste Mal. Dennoch: Man kann sich durch Venedig immer noch selbst entdecken. Die Stadt bietet jedem, der auf der Suche nach seiner Persönlichkeit ist, eine reelle Chance, sie zu finden. Ist man später wieder zu Hause, dann denkt man automatisch: Beim nächsten Mal weißt du, wie du's machen mußt. Ich kann Ihnen schon jetzt versichern, daß es für mich zahlreiche nächste Male geben wird. Denn bevor man sich über Venedig klar wird, hat das Abenteuer mit dieser unbeschreiblichen Schönheit schon begonnen.

 

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